Verlockung des Spiegelraums
Das Orakel spricht kybernetisch



review by Astrid Mania.
published on 27 Apr 2019 in Züddeutsche Zeitung

Berlin feiert die jährliche Leistungsschau seiner Kunstszene. Am anregendsten sind die Ausstellungen der (wenigen) Künstlerinnen.

Von Astrid Mania

Es ist 2019, und das Gallery Weekend präsentiert sich als eine Domäne weißer Männer. Obwohl die ursprünglich veröffentlichte Künstlerliste noch weniger Frauen und Nicht-Weiße verzeichnete, bestreiten männliche weiße Künstler jetzt immer noch rund drei Viertel des diesjährigen Programms. Das entspricht, leider, in etwa den Verhältnissen in den deutschen Galerien. Doch die Debatte findet statt, Protestaktionen sind geplant. Man muss nicht einmal den Proporz bemühen - die Ausstellungen der Künstlerinnen gehören eindeutig zu den aufregenderen auf einem Weekend, das allerdings schon spannendere Präsentationen zu bieten hatte. Eine Auswahl.

Das Orakel spricht kybernetisch

Anne-Mie van Kerckhoven ist eine der wenigen Künstlerinnen, deren Werk mit den Jahren immer jünger wirkt und relevanter wird. Durch welche erkenntnishaften Filter, so fragt es, ist eine Annäherung an die Welt überhaupt möglich? Ihre von Hand wie am Computer generierten Werke beantworten dies mit philosophischen Zitaten ebenso wie mit psychedelischer Rauschhaftigkeit. Durch beides scheint immer wieder der (weibliche) Körper hindurch.

Er ist auch Bezugspunkt dieser Ausstellung, in der minimalistische Elektro-Musik, auch dies ein Projekt der Künstlerin, für zunehmende Beunruhigung sorgt. Hier ist nicht der Mensch Herr über Philosophie, Wissenschaft, Technik und Mythos. Hier verhält es sich beinahe umgekehrt. Alles ist ein Myzel, das Bildwelten organisch durchwuchert oder sich als technoide Tentakeln darüber legt. Sind wir im Posthumanismus angekommen? Das Orakel der Anne-Mie van Kerckhoven jedenfalls spricht kybernetisch. Seine Antwort für uns Heutige lautet: eins oder null.

Anne-Mie van Kerckhoven: Unweit von dir. Galerie Barbara Thumm, 27. April bis 1. Juni.




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