Durchleuchtet



review by Evelyn Vogel.
published on 28 Apr 2015 in Süddeutsche Zeitung

Die Ausstellung "Serving Compressed Energy with Vacuum" im Münchner Kunstverein erstellt eine Art Röntgenbild der Arbeit von Anne-Mie van Kerckhoven

Dass Chris Fitzpatrick, der neue Direktor des Münchner Kunstvereins, eine etwas andere Handschrift haben würde, als sein Vorgänger Bart van der Heide, hatte sich bereits angedeutet, als er bei seinem Amtsantritt von seinem Programm schwärmte. Was er nun in seiner ersten Schau präsentiert, ist schon auf den ersten Blick anders. Denn sie ist so dicht gehängt, die Räume am Hofgarten sind so übervoll, wie man sie unter Van der Heide nur bei den jährlichen Jahresgaben erlebte. Und während sein holländischer Vorgänger die Künstler gern mit dem Raum arbeiten ließ und oft bis kurz vor Ausstellungseröffnung selbst nicht wusste, was ihn erwartete, startet der Amerikaner mit einer sehr sorgfältig von ihm kuratierten Retrospektive. Wenn das kein Statement ist!

Gewidmet ist diese Schau einer überaus spannenden Künstlerin: Anne-Mie van Kerckhoven. Die 1951 im belgischen Antwerpen geborene und dort noch immer lebende Multimediakünstlerin gilt als Pionierin des Cyberfeminismus. In ihren Arbeiten untersucht sie das Verhältnis von Kunst, Wissenschaft, Politik und Sozialverhalten. Doch ihr Spektrum ist so unendlich weit, dass die Räume des Kunstvereins gar nicht groß genug sein können, um ihr Werk zu fassen.

179 Arbeiten aus 40 Jahren künstlerisch enorm intensiver Produktion hat Fitzpatrick ausgewählt. Van Kerckhoven arbeitet geradezu obsessiv. Sie kann nicht anders, wie sie selbst sagt und erzählt von Begegnungen mit Neurochirurgen, die ihr hoch komplizierte Zusammenhänge erzählten, die sie zwar nicht richtig verstand, aber intuitiv zeichnerisch richtig festhielt. Eine Anekdote am Rande: Als sie 2009 an einer Studie im belgischen Löwen teilnahm, belegten Computertomografien, dass ihr Gehirn außergewöhnlich arbeitet, denn sämtliche Hirn-Areale leuchteten gleichzeitig auf.

Die Materialien, mit denen Van Kerckhoven arbeitet, sind 16mm- und Super-8-Filme, Animationen, Collagen, Computergrafiken, Zeichnungen, Installationen, Musik und Ton (mit Danny Devos gründete sie 1981 die Industrial-Band Club Moral), Fotografien, Plexiglas und PVC-Bilder, Publikationen, Bühnenbilder, Skulpturen, Siebdrucke, Stoffe, Möbel, Videos sowie Found-Footage-Material. Letzteres sammelt sie geradezu manisch. "Ich sammle Bilder, Wörter, Leute . . . und packe sie in meinen Computer, um sie jetzt oder später zu verwenden", heißt es in dem Begleitheft, das zur Ausstellung erschienen ist. Als sie Anfang der 1980er-Jahre begann, sich für die neu aufkommende Computertechnologie zu interessieren, wurde sie Artist-in-Residence am Laboratorium für Künstliche Intelligenz in Brüssel, um tiefer einzutauchen in die Welt, die seither unser aller Leben verändert hat. Nicht nur ein paar Monate lang, um ein wenig hineinzuschnuppern. Sondern fünf ganze Jahre lang.

Nun ist es aber nicht so, dass die Ausstellung aus binären Codes oder ähnlich vertrackten und oft wenig sinnlichen Arbeiten bestünde. Die sind auch da, ebenso wie Ablagesysteme, lexikalische Begriffe, Logarithmen, Schaltpläne, Mandalas, Manuskripte und Mindmaps. Aber sie spielen ihre Rolle eher im Hintergrund. Dem Besucher begegnen vor allem unendlich viele Zeichnungen, Drucke und Collagen. Tinte und Filzstift auf dem sehr traditionellen Medium Papier, aber auch auf Plexiglas und PVC, Acryl und Filzstift auf Stoffen und Kunststoffplatten, die sie mitunter zu Leuchtkästen arrangiert.

Kunststoffe gehören zu ihren liebsten Materialien, auch weil man darauf so gut viele Zwischenschritte erkennen kann. Überraschung zeichnet sich im Blick des Besuchers ab, wenn Van Kerckhoven die vier bemalten und übereinander in eine Plastikbox gesteckten Platten nimmt und sie ausbreitet. Das vielschichtige Gesicht, das zuvor erkennbar war, löst sich dann plötzlich in vier Teile eines Gesichts auf, bei dem Vorder- und Rückseite eine weitere Spielart ergeben. Fast schade, dass man das als Ausstellungsbesucher nicht machen kann.

Zwischenschritte, den Aufbau eines Werks zu erkennen, bedeuten viel für Anne-Mie van Kerckhoven. So soll die Ausstellung auch ihr 40-jähriges Schaffen durchleuchten, eine Art Röntgenbild abgeben. Diese Überlegung wird ebenfalls deutlich in den wenigen gezeigten Videos. Sie bestehen oft aus animierten Bildern - Zeichnungen oder Collagen - deren Veränderung gut erkennbar bleiben.

Beim Rundgang mit dem Kunstvereinsdirektor wird sehr schnell klar, wie gut Fitzpatrick die Werke Anne-Mie van Kerckhovens kennt. Kann er doch zu unglaublich vielen Einzelarbeiten Details benennen, erzählen, wie umfangreich ihr Archiv ist - unter anderem besitzt sie eine riesige Sammlung von Pornoheften und -darstellungen, die sie beispielsweise für ihre filmischen Animationen verwendet. Aber Darstellungen nackter Frauen bedeuten ihr noch viel mehr: Die Reproduktion des weiblichen Körpers sei einer der Auslöser, der sie seit Jahren antreibe, sagt sie. Und Anne-Mie von Kerckhoven, die eine überaus höfliche Frau ist, kann, wenn nötig, in vier Sprachen ihre Arbeiten erläutern - als Belgierin habe man gar keine andere Wahl, als multilingual zu sein, erzählt sie.

Ein ungewöhnliches skulpturales Triptychon in dieser an ungewöhnlichen Arbeiten so reichen Ausstellung ragt heraus: Es sind drei verschiedenfarbig bemalte regalartige Holzkabinen auf Rollen, die für drei Lebensabschnitte Anne-Mie van Kerckhovens stehen: für die Jugend, das Erwachsensein und dafür, "was danach kommt". Die Fächer sind leer, sie haben unterschiedliche farbige Rückwände, auf der sich viele verschiedene gemalte und textliche Bezüge finden, unter anderem zu der im 13. Jahrhundert lebenden Nonne Margareta Porete, die wegen ihrer theologischen Schrift "Spiegel der einfachen Seelen" mit der kirchlichen Leere in Konflikt geriet und auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Eine dieser, nennen wir sie "Lebenskabinen", steht vor einem Spiegel, in dem sich der Besucher auch sehen kann. Ein Hinweis auf die Vielschichtigkeit von Leben und Arbeit der belgischen Künstlerin Anne-Mie van Kerckhoven, in das man im Kunstverein eintauchen kann.

Anne-Mie van Kerckhoven: Serving Compressed Energy with Vacuum, Kunstverein München, Galeriestr. 4, Di-So 10-18 Uhr, bis 14. Juni




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